Titel: Deutschland misshandelt seine Kinder2016-01-06 22.12.38
Autor: Michael Tsokos & Saskia Guddat
Reihe: /
Genre: Sachbuch
Seitenzahl: 320 Seiten

Das Buch ist bei Droemer Knaur erschienen und kann hier erworben werden. 

Cover: Eindrücklich. Passt. 

Inhalt:
Jedes misshandelte Kind ist eines zu viel

Das deutsche Kinder- und Jugendschutzsystem versagt mit grausamer Regelmäßigkeit. Sozialarbeiter und Ärzte schreiten auch bei erkennbaren Misshandlungsfällen oft nicht ein. Richter sprechen in Zweifelsfällen vorschnell die Angeklagten frei.
Die Rechtsmediziner der Berliner Charité Michael Tsokos und Saskia Guddat decken gravierende Missstände auf und zeigen, wie wir die Gesundheit und Rechte der Kinder besser schützen können.

Erster Eindruck:
Mehr als 200.000 Kinder pro Jahr werden das Opfer von Gewalt durch Erwachsene. Das sagt allein schon das Cover. 200.000 Kinder. Eine unfassbar hohe Zahl. Mir wird quasi unmittelbar schlecht. Und das geht in der Einleitung direkt weiter. Hier wird keine Zeit verschwendet um zum Punkt zu kommen.

Zitat:

„Der Kindesmisshandler aber gibt nicht bloß Warnschüsse ab, sondern schießt scharf. Seine Attacken verursachen schmerzhafte, teilweise lebensgefährliche Verletzungen, psychisch wie physisch. Und er greift immer wieder an, täglich, wöchentlich, meist über viele Jahre hinweg. Mit Faustschlägen und Fußtritten, mit maßlosen Beschimpfungen und Herabsetzungen. Er sperrt seine Opfer in Kellerlöcher oder Zimmer, deren Fenster mit schwarzer Folie verklebt sind. Er lässt sie hungern, dursten, frieren. Er zerstört ihre Körper und Seelen.“ (S. 7)

„Doch „Misshandlungsmedizin“ ist für viel zu viele Kinder- und Jugendärzte hierzulande noch immer Neuland. Das sieht vor allem im angloamerikanischen Sprachraum ganz anders aus. Dort spielt die Misshandlungsmedizin in Forschung und Lehre mittlerweile eine bedeutende Rolle.“ (S. 147)

Fazit:
Das Buch war sehr bedrückend. Und dabei wirklich, wirklich gut. Doch wie schreibt man angemessen über ein so wichtiges Sachbuch? Und vor allem ohne dass die Rezension völlig ausartet…

„Dies ist ein Debattenbuch aus rechtsmedizinischer Sicht: Im Mittelpunkt unserer Fallberichte, Überlegungen und Forderungen stehen die unterschiedlichsten Formen körperlicher Kindermisshandlung mit oder ohne Todesfolge.“ (S. 12)

Es ist gut verständlich für völlig ahnungslose Laien geschrieben ohne dabei zu oberflächlich zu bleiben oder unsachlich zu werden. Dabei fängt es mit der Definition von Kindesmisshandlung an und unterscheidet dabei auch die unterschiedlichen Formen. Es wird immer wieder zu späteren Kapiteln verwiesen, oder später auch an vorherige Fallbeispiele erinnert. Die Fallbeispiele sind dabei plastisch genug um zumindest bei mir hin und wieder eine gewisse Übelkeit zu erzeugen. Echte Fälle. Echte Kinder. Immer wieder muss ich mir das ins Gedächtnis rufen, weil es so unglaublich klingt was hier berichtet wird.

Die Autoren erklären unterschiedliche Verletzungen und ihre typischen Ursachen. Machen deutlich, dass diese (leicht) erkennbar sind. Wenn nicht unbedingt von Laien, dann aber doch spätestens von Ärzten.

„Das „Züchtigungsrecht für Lehrkräfte an Schulen“ wurde erst 1973 abgeschafft. Und ein Recht auf gewaltfreie Erziehung auch in der Familie haben Kinder hierzulande erst seit dem Jahr 2000.“ (S. 37)

2000! Das ist gefühlt gerade gestern… Immer wieder musste ich den Kopf schütteln. Das Buch möchte Missstände aufdecken. Fehler im System. Die Gründe warum misshandelte Kinder trotz Betreuung durch das Jugendamt getötet werden können. Und es sind viele…

„Dabei bescheinigen sich das zuständige Jugendamt und der freie Träger auch in diesem Fall nach eingehender Prüfung, dass keinerlei Fehler begangen worden seine. Ein weiterer tadelloser Kinderschutzeinsatz also. Nur das Kind, das so vorbildlich geschützt wurde, ist leider tot.“ (S. 99)

Das Buch bekam ich damals über Tialda und ihrer „Blogger gegen Kindesmisshandlung“-Aktion. Ihre Rezension findet ihr: Hier. Und beziehe mich auch mal kurz darauf.

Als ich es gelesen habe, wäre einer meiner Kritikpunkte so wie bei Tialda auch gewesen, dass es zu teuer ist. Um aufzuklären muss etwas (günstig) erhältlich sein. Mittlerweile gibt es eine Taschenbuchversion für 10€ die das dann schon etwas relativiert. Und meine Bibliothek hat zumindest auch schon mal 2 Exemplare.

Das mit den Klischees und der Spanne zwischen Arm/Reich empfand ich nicht als so extrem. Klar „Generation Kevin“ lässt einen kurz schlucken und die Namensgebung ist nicht immer sehr glücklich gewählt. Es gibt da eine Diskrepanz, ja. Aber meiner Meinung nach wird das auch durch „gebildetere Täter misshandeln eher psychisch als körperlich“ erklärt. Und in in diesem Buch geht es, wie die Einleitung sagt in erster Linie um körperliche Misshandlungen.

Ich könnte noch viel erzählen. Tatsächlich bin ich jetzt erst auf Seite 100 beim noch mal durchblättern. Habe noch etliche Zitate und könnte mich in Rage tippen. Es hat mich wütend gemacht. Und hilflos. Und das tut es jetzt – nur beim drüber schreiben – direkt wieder. Da leiden und sterben Kinder. Viele. Und das System zum Schutz eben dieser funktioniert nicht.

„In den 1990er-Jahren hat eine Studie gezeigt, dass „ca. 70% der Mitarbeiter medizinischer Einrichtungen, 86% der Mitarbeiter sozialpädagogischer Dienste und 98% der Mitarbeiter von Beratungs- und Therapieeinrichtungen eine strafrechtliche Verfolgung der Täter für ein inadäquates Vorgehen“ hielten.“ (S. 209)

Es wird viel zu oft weggesehen. Von allen. 

Bewertung:  2013-12-09 19.31.462013-12-09 19.31.462013-12-09 19.31.462013-12-09 19.31.46

Wie bereits erwähnt gelang das Buch durch eine Aktion hier her. Ihr könnt das Banner immer noch in der Sidebar bestaunen. Leider endete die Aktion frühzeitig, da das Buch plötzlich abhanden ging. Als es sehr überraschend doch bei mir ankam, hätte es bereits fast 1 Jahr!!! hier sein sollen. Verständlich, dass Tialda – die ich persönlich kenne – dann sagte, dass sie keine Lust mehr hätte. „Du kannst das Buch behalten.“
Jetzt ist es an der Zeit dieses Projekt weiter zuführen.  In meinem Regal nutzt das Buch niemandem etwas und falls ich es doch noch mal lesen wollen sollte, gibt es da die Bibliothek. 😉

Also bewerbt euch in den Kommentaren, falls ihr es lesen &! darüber schreiben wollt und natürlich! auch bereit seid es danach weiter zu schicken (und das auch verdammt noch mal tut und nicht einfach nur behauptet, dass ihr es getan habt…  ich verstehe wieso Tialda da angepisst war ^^).

Ich möchte da nicht allzu streng wirken, aber ich möchte mich auf Teilnehmer die hier hin und wieder kommentieren und/oder mir bei Twitter folgen (mir also irgendwie bekannt sind) beschränken. Einfach damit es nicht untergeht. Das hat das Buch einfach nicht verdient. Ich hoffe ihr versteht das 🙂

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